Heiliger der Woche: Hallvard

Detail im Rathaussaal: Hallvard-Mosaik
Detail im Rathaussaal: Hallvard-Mosaik

Der heilige Hallvard (ca. 1020-1043) gilt als der beliebteste Heilige Norwegens. Er starb im Alter von ungefähr 23 Jahren beim Versuch, das Leben einer schwangeren Sklavin zu retten.

Hallvard ist Schutzheiliger der norwegischen Hauptstadt Oslo. Sein Bildnis findet sich beispielsweise im Prunksaal des Osloer Rathauses, wo jedes Jahr im Dezember der Friedensnobelpreis im Beisein u.a. von Vertretern des Königshauses überreicht wird, und auf den Osloer Kanaldeckeln. Abgebildet wird er mit Pfeilen und/oder Mühlstein, manchmal mit einer Frau zu seinen Füßen. Dazu später. Hallvard war der ältere von zwei Söhnen des einflussreichen Großbauern Vebjørn von Husaby bei Lier, ca. 20 km westlich von Oslo gelegen. Seine Mutter Torny war die Cousine des berühmten Königs Olav Haraldsson, bekannt als heiliger Olav, Norwegens ‘ewiger König’. Natürlich wuchs Hallvard bei diesem familiären Hintergrund als Christ heran. Sein Vater nahm ihn auf Handelsreisen auf der Ostsee bis nach Gotland mit. Hallvard soll blond und schön von Gestalt gewesen sein. Er war wohlerzogen und hatte gemäß seiner Herkunft eine edle Gesinnung. Ansonsten wissen wir wenig über sein Leben, dafür umso mehr über sein Sterben.

Die Ruinen der alten Mariakirche vor der neuen Skyline Oslos, erste Station des Schreins mit den Gebeinen des hl. Hallvard
Die Ruinen der alten Mariakirche vor der neuen Skyline Oslos, erste Station des Schreins mit den Gebeinen des hl. Hallvard

An einem schönen Tag im Mai ging Hallvard zu seinem Boot, um den Drammensfjord, einen Seitenarm des Oslofjords, zu überqueren. Da kam eine schwangere Frau gelaufen, die ihn bat, sie mit über den Fjord zu nehmen. Diese Frau war wahrscheinlich eine Sklavin. Drei Männer hatten sich an ihre Fersen geheftet und bezichtigten sie des Diebstahls. Die Frau fürchtete um ihr Leben. Hallvard glaubte jedoch an ihre Unschuld, nahm sie mit in sein Boot und ruderte hinaus auf den Fjord. Die Verfolger sprangen in ein anderes Boot, das sie am Ufer fanden, ruderten hinter den beiden her und holten sie ein. Sie beschuldigten Hallvard, einer Diebin zu helfen und wurden immer wütender, je mehr Hallvard die Sklavin edelmütig verteidigte. Schließlich nahm einer der drei Männer Pfeil und Bogen, um die Frau zu töten. Hallvard jedoch warf sich vor die Sklavin, der Pfeil traf ihn tödlich. Danach erschlugen die Männer die Frau und ruderten ans Ufer zurück, wo sie die Sklavin am Ufer begruben. Schwieriger war es, die Leiche des Großbauernerben Hallvard zu verbergen. Die Männer banden deshalb einen Mühlstein um seinen Hals und versenkten ihn im Fjord. Die Leiche jedoch blieb nicht, wie von den Mördern erhofft, am Grund liegen, sondern trieb auf. Hallvard wurde mit großen Ehren in seinem Heimatort beigesetzt. In der Zeit danach geschahen viele Wunder und Zeichen an seinem Grab und in dessen Umkreis. Hallvards Ruf als Heiliger entstand und wuchs. Die Bevölkerung der Umgebung verehrte ihn als Märtyrer, weil er wegen der Verteidigung einer Unschuldigen umgebracht worden war. 1053, also 10 Jahre nach Hallvards gewaltsamen Tod, wurde auf Geheiß des damaligen Königs Harald Sigurdsson die Leiche Hallvards ausgegraben und in die ehemalige Marienkirche Oslos in einem prächtigen Schrein überführt. 1130 wurde die erste Hallvardskirche fertiggestellt und der Schrein dorthin gebracht. Diese Kirche liegt seit langem in Ruinen, aber 1966 wurde eine neue katholische Kirche St. Hallvard in Oslo eingeweiht. Diese liegt unweit der alten Kirche und ist inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Die preisgekrönte Architektur aus Beton, Glas und Ziegeln lockt Fachleute, Studenten und Besucher aus nah und fern an. Das I-Tüpfelchen ist die umgekehrte Kuppel, die den Kirchenraum dominiert.

Sigrid Undset, norwegische Literaturnobelpreisträgerin 1928, ausgezeichnet für die Mittelalter-Romane über Kristin Lavransdatter
Sigrid Undset, norwegische Literaturnobelpreisträgerin 1928, ausgezeichnet für die Mittelalter-Romane über Kristin Lavransdatter

Die norwegische Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset (1882-1949) hat das Leben mehrerer norwegischer Heiliger beschrieben – mit künstlerischer Freiheit. Undset konvertierte 1924 zum katholischen Glauben. Heilige waren für sie daher eine neue Dimension in ihrem christlichen Glaubensleben. Hallvards Biographie war für die Autorin offenbar eine Fundgrube für ihre Inspiration und Ausschmückung. Aus den spärlichen Überlieferungen über sein kurzes Leben, schuf sie eine dramatische, ausführliche Lebensbeschreibung mit Hallvard als strahlenden, jungen Helden inmitten von Untreue, häuslicher Gewalt, Eifersucht und anderen spannenden Roman-Zutaten.

 

Der Hallvardstag ist der 15. Mai. Früher war dieser Tag der größte Feiertag im südlichen Norwegen. Heutzutage wird der Tag immer noch in Oslo mit vielen Arrangements der Stadt Oslo gefeiert. Konzerte, Vorträge, Führungen durch das alte Oslo und zum Abschluss die ökumenische Vesper in den Überresten der ersten Hallvardskirche, sind feste Bestandteile des vielseitigen Ganztagesprogramms. Die moderne Kirche St. Hallvard in Oslo feiert am 15. Mai nicht nur ihr Patronatsfest, sondern auch ihr Kirchweihfest. Oft gibt es am Abend im Gemeindesaal ein besonderes Konzert mit namhaften norwegischen Künstlern. Dazu sind alle herzlich willkommen.

 

Text und Fotos: Dr. Helga Haass-Männle

Die Europäischen Heiligen der Vorwochen finden Sie hier:

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